Kapitalismus? Verstehen!

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Kritik am (Bildungs-)System

„Was geht am Wochenende?“, „Digga, ich brauch wieder Wochenende, hab jetzt schon keinen Bock mehr auf Schule…“ Solche und ähnliche Sätze hört man oft schon an Montagen an Bushaltestellen, auf den Schulhöfen, in den Klassen oder man liest sie im Chat. In ihnen allen klingt an, dass man am Wochenende etwas abzubauen versucht, was in der Woche entsteht, nämlich Stress. Konkreter: Schulstress,
Stress mit Lehrern, Noten, Hausaufgaben und manchmal auch mit Mitschülern. Und richtig Bock auf den langweiligen Schulalltag hat man auch nur in Ausnahmefällen. Zum Beispiel wenn es doch ein- zwei Fächer, Themen oder Lehrer gibt, die einen Kontrast zum tristen Einheitsbrei bieten.
Aber auch diejenigen beneidenswerten Schülerinnen und Schüler die den Schulalltag nicht als anstrengend empfinden und ihn erfolgreich überstehen, freuen sich auf das Wochenende. Und sie sollten sich auch nicht zu schade dafür sein, sich einmal die Frage zu stellen, warum Schule für die Mehrheit ihrer Mitschüler hauptsächlich Stress, Leistungsdruck, im Extremfall Angst vor Noten, Lehrern oder sogar Mobbing bedeutet.
Dieser Text soll den Versuch darstellen, ein paar Antworten zu finden und zum Denken anzuregen.

Da wir gerade bei Leistungsdruck und allgemeinen Bewertungen nach festgelegten Maßstäben waren: Fangen wir doch gleich mit den Noten an. Laut unser aller liebstem Schulbuch „Wikipedia“ geht es bei der Notenvergabe

„[…]um den abstrakten Schülervergleich, so sollen Unterschiede zwischen den Schülern festgestellt werden. Die Schüler werden per Schulsystem in eine Konkurrenzsituation gebracht und haben sich an den vorgegebenen Kriterien dieser Konkurrenz zu bewähren. Erfolg in dieser Konkurrenz dient dazu, an mehr oder weniger gute Schulabschlüsse zu kommen, die eine erste entscheidende Voraussetzung für den erfolgreichen Einstieg in den beruflichen Wettbewerb darstellen.“
Außerdem stelle die Leistung als „individuelle Notenauflistung im Zeugnis“ den „abstrakten Erfolg der Person dar“ und sei nicht die „Bennennung gezeigter geistiger Leistungen“

Wichtig aus dieser Definition sind die Stichpunkte „Konkurrenzsituation“, „schulisch
gemessener Wert“ und „beruflicher Wettbewerb“. Oder anders ausgedrückt: „Konkurrenz“, „Wert des Humankapitals“ und „Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt“, denn davon wird nachfolgend die Rede sein.
Das oft von Lehrern und Eltern gebrachte Argument „Noten dienen der Motivation“ ist
somit schon mal nur anhand der Fakten leicht zu entkräften. Außerdem sollte jeder von uns wissen, wie „motivierend“ eine „Fünf“ oder „Sechs“ auf dem eigenen Zeugnis, in einer Klausur oder einem Test so wirkt: absolut gar nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass ein gut aufbereiteter, spannender und unterhaltsamer Unterricht um einiges motivierender wirkt als Angstmachen durch die „Notenkeule“ dienen Noten offensichtlich hauptsächlich
dazu, dass wir später auf dem Arbeitsmarkt leicht in „wertvollere“ und „weniger wertvolle“ oder gar „wertlose“ ehemalige Schüler einzuteilen sind.

Genauso funktioniert das ganze beim Bewerben für einen Studiumsplatz: entscheidend ist fast immer der Durchschnitt des Abschlusses und nicht das tatsächliche Können der Person. Denn das spiegeln Noten ja auch laut der Definition und zu oft auch aus eigener Erfahrung gar nicht wieder.
Und wozu eigentlich die ständige Konkurrenz? Dadurch entstehende „Phänomene“ wie Mobbing, Petzen, Prahlerei und so weiter sind doch total ätzend und angeblich auch von den Lehrern nicht gewollt, also wozu dann dieser Mist?
Eine Erklärung für diese Frage finden wir in der Funktion von Schule in einer Gesellschaft: Sie dient dazu, die sie durchlaufenden Menschen zu Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen, in die diese zufällig geboren wurden oder in die ihre Eltern eingewandert oder sogar geflohen sind. Um also Schule zu analysieren und die offensichtlich in ihr herrschenden Missstände zu kritisieren muss man die Gesellschaft betrachten auf die sie vorbereiten soll.

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Wir leben momentan in dem Nationalstaat Deutschland in einer sogenannten
„Parlamentarischen Demokratie“ und in einer angeblichen „sozialen Marktwirtschaft“ die eine Form des „Kapitalismus“ ist.
„Kapita-Was??“ – „Kapitalismus!“ genauer gesagt also einer Wirtschaftsform deren
Grundprinzipien der Handel von Waren durch Tauschmittel (vornehmlich Geld), das
Erwirtschaften von Profit, das Bereitstellen von (vornehmlich Dienst-)Leistungen und die Konkurrenz sind. „Konkurrenz? Das hab ich doch grade eben schon gelesen??“ Richtig, denn der Grund
dafür, warum es in der Schule die Konkurrenzsituation der Schülerinnen und Schüler gibt, ist die auf Konkurrenz basierende Wirtschaftsform, auf deren Alltag uns die Schule vorbereiten soll. „Und warum ist Konkurrenz jetzt was schlechtes? Ich dachte Konkurrenz schafft Wettbewerb – und damit Fortschritt?“
Im Kapitalismus funktioniert die Wirtschaft tatsächlich nur dann wirklich, wenn es eine
ausgeprägte Konkurrenzsituation gibt, denn dann müssen sich alle Akteure auf dem Markt bemühen, ein möglichst hochwertig erscheinendes Produkt zu möglichst günstigen Preisen anzubieten, da ein Käufer in der Regel das als am besten und günstigsten beworbene Produkt wählt. Der Nachteil davon ist aber, dass diese Konkurrenz auch bedingt, dass der Prozess des „besser-Dastehens-als-der-Mitbewerber“ zum einen kein Ende nimmt, denn keiner kann und will diesen Kampf verlieren (der dauerhaft gewinnende Unternehmer „schluckt“ dann oft durch eine Übernahme den Verlierer, was dieser logischerweise verhindern möchte). Und außerdem wird das ganze „Preis-nach-unten-Treiben“ nur durch schlechte Arbeitsbedingungen, „Ausbeutung“ Lohnsenkungen und Entlassungen möglich unter denen dann die für den Unternehmer oder den Staat Arbeitenden leiden müssen.

Und nicht nur auf dem Markt wirkt das System der Konkurrenz:
Auch im Alltag versucht sich ein Großteil der Menschen und auch der Schüler ständig zu überbieten. Man prahlt mit dem neuesten Handy, seinen sportlichen Leistungen, seinem Körper, seinen sexuellen Abenteuern (wahr oder erfunden und fast ausschließlich mit dem gegensätzlichen Geschlecht) und versucht sich so ständig zu profilieren. Am leichtesten geht das oft, indem man andere abwertet. Dies ist ein Faktor von mehreren für rassistische, schwulen- und lesbenfeindliche, oder anderweitig diskriminierenden Witzen und Aussagen.
Und dies sind nur ein paar Beispiele von vielen, wie das Konkurrenzdenken
Einfluss auf unser Leben nimmt.

Der Grund dafür, warum wir alle benotet werden liegt nicht darin, dass dies schon immer so gewesen ist (stimmt so auch nicht!) und auch nicht in einer angeblich dadurch entstehenden Motivation. Wer also die Gründe für die „Fehler“ im System Schule sucht, sollte das Schulsystem an sich und das kapitalistische System als ganzes betrachten, um wirklich treffende Kritik an ihm zu äußern und es vielleicht eines Tages ändern oder überwinden zu können.
Des weiteren ist die willkürlich und zweckdienlich entstandene (und ganz und gar nicht „natürliche“) Konkurrenz der Schüler und Menschen allgemein nicht das einzige was am Leben im Kapitalismus nicht so chillig ist: Fremdenhass, Rassismus, Gewalt, Hungersnöte, Kriminalität, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit z.B. durch Arbeitslosigkeit oder schlechte Noten, Geldmangel, Nationalismus, Kriege und sogar ganze Völkermorde sind mehr oder weniger Auswirkungen von der Art und Weise, wie die gewählten oder nicht gewählten Herrschenden für unsere Gesellschaft und weltweit das Leben organisieren. Das ist aber nur möglich, weil wir sie nicht daran zu hindern versuchen. (Aber die „Schuld“ für die ganze Scheiße trifft nicht einzelne Menschen die wie viele ihrer Vorgänger auch im Interesse der Machterhaltung und Ausweitung handelten. Auch sie sind nur Akteure innerhalb des die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft umfassenden kapitalistischen Systems.) Es wird Zeit, dass die Menschen sich wieder emanzipieren, zusammenschließen, sich bilden und überlegen wie man das Leben auf der Welt besser gestalten kann. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten.




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